Erste Aktie kaufen: Regeln statt Bauchgefühl

Kurz gesagt: Bevor du deine erste Einzelaktie kaufst, sollten dein Notgroschen und deine Rücklagen stehen. Für den Einstieg ist ein breit gestreuter ETF oft die bessere Wahl. Wenn du später Einzelaktien kaufst, dann nach festen Kriterien statt nach Bauchgefühl oder Schlagzeilen, verteilt auf mehrere Branchen und mit einer klaren Regel, wann du verkaufst.
Meine erste Aktie
Mein erster Kauf vor etwa 20 Jahren waren 50 Aktien eines großen Getränkekonzerns. Ich habe dieses Unternehmen gewählt, weil ich es gut kannte und schon länger verfolgt hatte. Ich hatte das Gefühl, ganz gut einschätzen zu können, wohin die Reise geht. Investiert habe ich einen überschaubaren Betrag. Mir ging es zuerst darum, überhaupt ein paar Aktien im Depot zu haben und das Ganze kennenzulernen.
Nach einem Jahr hatte sich die Aktie gut entwickelt, deutlich besser als alles, was mir Sparbuch oder Tagesgeld gebracht hatten. Das war für mich der Anstoß, mich intensiver mit Aktien zu beschäftigen.
Heute weiß ich: Ein gutes erstes Jahr kann auch Glück sein. Es beweist nicht, dass die Auswahl gut war. Die wichtigere Lehre war für mich, dass ich mir Wissen aufbauen und feste Regeln entwickeln wollte. Genau darum geht es in diesem Artikel.
Bevor du anfängst
Bevor du auch nur eine Aktie kaufst, sollte zweierlei geklärt sein:
- Dein Notgroschen. Er liegt idealerweise auf einem Tagesgeldkonto, auf das du jederzeit zugreifen kannst.
- Deine Rücklagen. Geld für größere Ausgaben, die in den nächsten zwei bis drei Jahren anstehen, etwa eine Sanierung, legst du gesondert zur Seite.
Erst mit dem, was danach übrig bleibt, entwirfst du eine Strategie. Wie du dein Geld sinnvoll aufteilst, beschreibe ich ausführlich in Tagesgeld oder ETF.
Warum für viele ein ETF der bessere Anfang ist
Die meisten Menschen, die ich begleite, starten mit einem ETF. Das hat gute Gründe: Ein ETF ist leicht zu verstehen und gut zugänglich. Du musst dich nicht intensiv damit beschäftigen, kannst ihn per Sparplan regelmäßig nachkaufen und bist von Anfang an breit gestreut.
Und du lernst dabei etwas Wichtiges: wie die Börse funktioniert, wie sich Schwankungen anfühlen und welche Fragen du hast. Du gewinnst Vertrauen. Das ist ein guter Ausgangspunkt, um später weiterzugehen. Wie du deinen ersten ETF kaufst, steht in ETF kaufen für Anfänger.
Einzelaktien bieten die Chance, besser abzuschneiden als der breite Markt, aber genauso das Risiko, schlechter abzuschneiden. Wie schwer es ist, den Markt zu schlagen, zeigt eine Auswertung von S&P Dow Jones Indices: 94 % der in Europa aufgelegten aktiven Aktienfonds lagen über zehn Jahre bis Mitte 2026 hinter ihrem Vergleichsindex. Und das sind Profis. Wer Einzelaktien kaufen will, braucht deshalb klare Regeln.
Wie viel deines Geldes in ETFs und wie viel in Einzelaktien fließen sollte, lässt sich nicht pauschal sagen. Es hängt davon ab, wie viel Zeit du investieren willst, wie intensiv du dich mit dem Thema beschäftigen möchtest, wie viel Risiko du tragen kannst und wie du mit Verlusten umgehst.
Quelle: SPIVA Europe Scorecard, Mitte 2026, S&P Dow Jones Indices.
Feste Kriterien statt Bauchgefühl
Ich wähle Dividendenaktien nach 9 Kriterien aus. Für jedes Kriterium gibt es Punkte, insgesamt bis zu 15. So vergleiche ich Unternehmen nach denselben Maßstäben, egal wie gut sie gerade in den Nachrichten wegkommen.
| Kriterium | Was es aussagt |
|---|---|
| Ausschüttungsquote | Welcher Anteil des Gewinns als Dividende ausgezahlt wird. Ist er zu hoch, bleibt wenig Puffer für schlechte Jahre. |
| Verschuldungsgrad | Wie hoch die Schulden im Verhältnis zum Eigenkapital sind. |
| Dividendenwachstum | Wie stark die Dividende über 1, 3, 5 und 10 Jahre gestiegen ist. |
| Umsatzrendite | Wie viel vom Umsatz als Gewinn übrig bleibt. |
| Eigenkapitalquote | Welcher Anteil des Unternehmens mit eigenem Geld finanziert ist. |
| Eigenkapitalrendite | Wie viel Gewinn das Unternehmen aus seinem Eigenkapital erwirtschaftet. |
| Free-Cashflow-Marge | Welcher Anteil vom Umsatz nach den Investitionen als frei verfügbares Geld übrig bleibt. Aus diesem Geld werden Dividenden letztlich bezahlt. |
| Gewinnwachstum | Wie sich der Gewinn über die Jahre entwickelt. |
| Total Return | Kursentwicklung plus Dividenden über 1, 3, 5 und 10 Jahre. |
Die Zahlen dafür findest du in den Geschäftsberichten der Unternehmen, meist auf deren Internetseite unter „Investor Relations“. Viele Kennzahlen zeigen auch gängige Finanzportale an.
Die genauen Schwellenwerte und die Punkte veröffentliche ich bewusst nicht. Zum einen sagen die Zahlen allein wenig: Du musst verstehen, warum ein Wert so gesetzt ist. Zum anderen lassen sich die Kriterien nicht auf jede Branche gleich anwenden. Bei Immobilienunternehmen und REITs etwa gehe ich anders heran, ändere Kennzahlen ab oder lasse einzelne weg. Diese Herleitung erkläre ich in meinen Gesprächen.
Drei Depots, drei Aufgaben
Ich trenne mein Geld in drei Bereiche, jeder mit eigener Aufgabe und eigenen Regeln:
- Ein Dividendendepot mit Qualitäts-Dividendenaktien, breit über alle Sektoren gestreut. Es soll später ein planbares Einkommen liefern.
- Ein Wachstumsdepot mit Aktien, von denen ich mir eine besonders gute Entwicklung erwarte. Hier achte ich nicht darauf, aus jedem Sektor etwas zu halten, und sichere mich anders ab (dazu unten mehr).
- Ein ETF-Depot als breite, einfache Basis.

Diese Mischung ist für mich ideal. Für dich kann sie anders aussehen, oder du brauchst nur einen dieser Bereiche. Ein Wachstumsdepot mit wenigen Werten schwankt deutlich stärker als ein breit gestreutes Depot. Das solltest du nur mit Geld machen, bei dem du Verluste aushältst.
Richtig streuen: 1 bis 3 Aktien je Sektor
Für das Dividendendepot gilt: Mit einer einzigen Aktie setzt du alles auf ein Unternehmen. Ich halte mich an eine einfache Faustregel: ein bis drei Aktien je Sektor.
Weltweit werden Unternehmen nach dem Standard GICS in elf Sektoren eingeteilt: Informationstechnologie, Finanzwesen, Gesundheitswesen, Industrie, Nicht-Basiskonsumgüter, Basiskonsumgüter, Kommunikationsdienste, Energie, Grundstoffe, Immobilien und Versorger. Mit ein bis drei Aktien je Sektor kommst du auf rund 12 bis 30 Einzelaktien.

Wichtig ist außerdem die Gewichtung: In manche Sektoren investiere ich mehr, in andere weniger. Das muss man sich erarbeiten. Hilfreich ist ein Blick zurück, etwa wie sich die einzelnen Sektoren über die letzten zehn Jahre entwickelt haben. Die Zukunft kann niemand vorhersehen, und die Vergangenheit ist keine Garantie. Aber sie zeigt, wie unterschiedlich Branchen schwanken.
Quelle: S&P Dow Jones Indices und MSCI, Global Industry Classification Standard (GICS). Die offiziellen Sektornamen sind englisch, hier stehen die üblichen deutschen Bezeichnungen.
Vorsicht bei gehypten Aktien
Was ich immer wieder sehe: Einzelne Aktien werden von der Presse oder von Finanzseiten stark gehypt. Da wäre ich extrem vorsichtig. Renn nicht blind hinterher. Kauf eine Aktie erst, wenn du sie selbst einschätzen kannst, mit fundiertem Wissen und nach denselben Kriterien, die du für jedes andere Unternehmen anlegst.
Halten oder verkaufen: zwei Strategien für zwei Ziele
Dividendenaktien: kaufen und halten. In meinem Dividendendepot verfolge ich die Buy-and-Hold-Strategie. Fällt ein Kurs um 20 %, lasse ich mich davon nicht irritieren. Diese Aktien halte ich idealerweise für immer, weil mir die Dividende wichtiger ist als der Kurs. Ich prüfe einen Verkauf erst, wenn ein Unternehmen stark ins Straucheln gerät, die Aussichten schlecht sind und es womöglich anfängt, die Dividende zu kürzen, vielleicht sogar mehrmals hintereinander. Dann frage ich mich, ob der Wert noch in mein Depot passt.
Wachstumsaktien: mit Absicherung. Hier arbeite ich mit einem Stop-Loss: Fällt der Kurs unter einen festgelegten Wert, wird die Aktie verkauft. Meist nutze ich einen Trailing-Stop. Dabei wird die Absicherung nachgezogen, wenn die Aktie steigt.
Ein Stop-Loss ist allerdings kein perfekter Schutz. Wird die Stopp-Marke erreicht, verkauft dein Anbieter zum nächsten verfügbaren Kurs. Meist liegt der nahe an der Marke. Bei einem plötzlichen Einbruch kann er aber deutlich darunter liegen.
Quelle: Stiftung Warentest, „ABC für Anleger: Stop-Loss“.
Das ist meine persönliche Vorgehensweise, keine Empfehlung und keine Garantie.
Der Kauf selbst
Der Kaufvorgang ist bei einer Aktie derselbe wie bei einem ETF: Depot eröffnen, Wertpapier über die ISIN suchen, Order aufgeben. Mit einer Limit-Order legst du fest, wie viel du höchstens zahlen willst. Alle Schritte erkläre ich in ETF kaufen für Anfänger.
Welcher Weg passt zu dir?
Einzelaktien sind nicht für jeden das Richtige, und das ist völlig in Ordnung.
- Der Gelassene will es einfach: ein oder zwei breit gestreute ETFs per Sparplan. Einzelaktien braucht er nicht.
- Der Sicherheitsbewusste hält den größten Teil sicher und investiert nur einen kleinen Teil. Auch für ihn sind ETFs meist der einfachere Weg.
- Der Gestalter wählt einzelne Aktien selbst aus, aktiv und mit klaren Regeln. Für ihn ist dieser Artikel geschrieben.
- Der Einkommens-Investor setzt auf Dividendenaktien und ausschüttende ETFs, so wie ich.
Wenn du verstehen willst, wie ich meine Kriterien herleite und wie du sie für dich anwendest: Das Erstgespräch ist kostenlos, dauert 45 Minuten und läuft per Google Meet.
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Häufige Fragen
Soll ich mit einer Einzelaktie oder einem ETF anfangen?
Für die meisten ist ein breit gestreuter ETF der bessere Anfang. Du lernst die Börse kennen, ohne alles auf ein Unternehmen zu setzen. Einzelaktien können ein zweiter Schritt sein, wenn du dir Wissen und Regeln erarbeitet hast.
Wie viele Aktien sollte ich haben?
Für ein Dividendendepot gilt als Faustregel ein bis drei Aktien je Sektor, über die elf Sektoren verteilt also rund 12 bis 30. Mit nur einer oder zwei Aktien hängt dein Erfolg an wenigen Unternehmen. Ein Wachstumsdepot ist meist konzentrierter und schwankt deshalb stärker.
Muss ich Dividenden versteuern?
Ja, mit 25 % Abgeltungsteuer plus Solidaritätszuschlag, gegebenenfalls Kirchensteuer. Die ersten 1.000 € Kapitalerträge im Jahr sind steuerfrei, bei zusammen veranlagten Ehepaaren 2.000 €. Damit das automatisch berücksichtigt wird, richtest du einen Freistellungsauftrag ein.
Woran erkenne ich, ob eine Aktie gut ist?
Nicht an Schlagzeilen oder an der Kursentwicklung der letzten Wochen. Leg feste Kriterien an, etwa zu Gewinn, Schulden, Cashflow und Dividende, und prüfe jedes Unternehmen nach denselben Maßstäben.
Alle Inhalte dienen der Bildung und sind keine Anlageberatung. Kapitalanlagen sind mit Risiken verbunden, auch Verluste sind möglich. Steuerliche Angaben nach Rechtsstand 2026, sie ersetzen keine Steuerberatung.